Digitales Archivnetzwerk oberrheinischer Kulturgüter


Ce projet est cofinancé pal l'Union Européenne
Diese Projekt wird von der Europäischen Union kofinanziert

(Programme INTERREG - Fonds européen de développement régional)
(INTERREG-Programm - Europäischer Fonds für reginale Entwicklung)

Das Archiv Soziale Bewegungen beteiligt sich am Interreg-Projekt DANOK. Sinn und Zweck dieses Projektes wird im folgenden Artikel, der am 10. Oktober 2006 in Der Sonntag erschienen ist, beschrieben.

Wie Oberrheinische Archive mit einer technischen Neuheit Kulturgut retten wollen

Jens Kitzler und Marie-Caroline Bertoldt

Alte Tonbandrollen, auf denen zu hören ist, wie das Piratenradio Verte Fessenheim Ende der Siebziger seinen Protest gegen das französische Atomkraftwerk ins Südbadische ausstrahlte. Aufnahmen badischer und elsässischer Lieder aus dem Volksliedarchiv. Tondokumente der Universität Basel. Oder alte Kassetten mit Beiträgen des Basler Senders DRS über die Anti-Atom-Bewegung. Alles Zeugnisse oberrheinischer Kultur, die in kleinen Museen und Archiven lagern - und vielleicht bald verloren gehen. Schon jetzt sind sie kaum noch anzuhören und anzuschauen.

"Die Bänder sind über Jahre hin- und hergekarrt worden, sie lagerten auf Dachböden und in Scheunen", sagt Volkmar Vogt vom Freiburger Archiv für Soziale Bewegungen über die Tondokumente von Verte Fessenheim, den Vorgänger des lokalen "Radio Dreyeckland". Die fast 30 Jahre alten Tonbänder sind verklebt oder gerissen. Und bei ihren wilden Sendungen aus von der Polizei verfolgten VW-Bussen heraus hatte te es die Radiomacher einst wenig gekümmert, was der Nachwelt von ihrer Agitation verbleiben wird. Sie haben in zig verschiedenen Bandformaten und Geschwindigkeiten aufgenommen und nicht darüber nachgedacht, womit man die Bänder Jahrzehnte später einmal anhören sollte: "Es ist jetzt schon schwer genug, ein funktionierendes Tonbandgerät zu finden", sagt Volkmar Vogt. In zehn, zwanzig Jahren wird es unmöglich sein.

So geht es vielen Archiven und Museen am Oberrhein, die sich jetzt zu einem Projekt zusammengeschlossen haben, um ihr gefährdetes Material zu retten. Das "Datenbank- und Archivierungsnetzwerk Oberrheinischer Kulturträger" (DANOK) will die gefährdeten Bestände der einzelnen Institutionen digitalisieren, die Koordination übernimmt die Universität Straßburg, und das Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik in Freiburg steuert glatt noch eine Weltneuheitheit bei.

Die ist notwendig, weil den Bewahrern von Kulturgütern ein Dilemma mittlerweile immer mehr bewusst wird: Digitalisierte Daten, die auf Festplatten und CD gelagert werden, sind für die Nachwelt wahrscheinlich verlorene Daten. Denn wie lange halten sich CDs? Und gibt es schon in zehn Jahren überhaupt noch CD-Laufwerke, die, die Scheiben einlesen? Welche Betriebssysteme laufen dann auf Computern? Werden sie heute beschriebene Festplatten noch lesen können? Kaum. Längst befürchten Historiker, dass unsere multimediale Moderne einst eine vergessene Epoche sein könnte.

Hier kommt das Fraunhofer-Institut für physikalische Messtechnik (IPM) ins Spiel. Dort wirft man derzeit eine alte und eine neue Technik zusammen: Über einen Laserbelichter sollen Bilder und digitale Daten auf Mikrofilm belichtet werden, sowohl in Form von hochaufgelösten farbigen und farbechten Bildern als auch - und das ist völlig neu - binär; dabei werden wie bei der CD kleine Punkte auf das Material aufgebracht, die für die Nullen und Einsen des Binärsystems stehen. Damit lassen sich viel mehr Daten auf dem Film unterbringen. Und eben beispielsweise auch digitalisierter Ton.

Man geht davon aus, dass Mikrofilm bei richtiger Lagerung mindestens 500 Jahre überdauert. Aber das ist nur ein Aspekt: "Entscheidend ist, dass man die Daten mit einem schlichten optischen Scanner auslesen kann", sagt Annette Braun, Sprecherin des Fraunhofer-Instituts. Und dessen Funktionsprinzip sei so einfach, dass Ingenieure auch in 500 Jahren ein solches Gerät nachbauen könnten - sollte es da keine Scanner mehr geben.

Die Technologie ist noch nicht ganz fertig entwickelt, in den Archiven aber wird schon heftig digitalisiert. Allein das Volksliedarchiv bringt über 600 Stunden Tonmaterial in das Projekt mit ein. Zuerst waren die zehn Partner noch unabhängig. "Jeder von ihnen hatte Daten zu schützen", sagt Rudolph Sock, Professor für Phonetik an der Marc-Bloch-Universität Straßburg, dem Träger des Projektes. "Man musste sich zusammentun, um das Projekt mit einem gemeinsamen Ziel aufzuwerten." An der Universität will man vor allem koordinieren: "Man muss mit den Daten beginnen, die am meisten gefährdet oder am wichtigsten sind", sagt Sock. Da gelte es auch, zwischen den Archiven und Museen etwas zu vermitteln: "Jeder Partner denkt natürlich, seine Daten seien die problematischsten und wichtigsten."

Wenn die Dokumente oberrheinischer Kulturgeschichte einst erfasst sind, sollen sie über eine Internet-Datenbank zugänglich gemacht werden. Das Geld bekommt DANOK bisher aus dem "Interreg"-Programm, das viele Dinge unterstützt, die den Stempel "grenzüberschreitend" tragen. Für die Laufzeit von einem Jahr werden 327450 Euro ausgeschüttet. Danach will man sich um andere Mittel für die Finanzierung bemühen. Längst sind sich die Teilnehmer des Projektes sicher, dass sich bald auch andere Institutionen für die neue Methode interessieren werden, mit denen das 20. und 21. Jahrhundert davor bewahrt werden sollen, einst völlig vergessene Zeitalter zu sein. "Es hat in den letzten Jahren ein Bewusstseinswandel stattgefunden", sagt Annette Braun vom Fraunhofer Institut, "man hat schließlich gemerkt, dass mit den bisherigen Verfahren gravierende Daten verloren gehen."