Freiburger Bibliotheken (19): Das Archiv für soziale Bewegungen

Von den Spuren der Protestbewegungen

BZ v. 24.9.1993

Von unserer Mitarbeiterin Corina Weber

"Erinnerst Du Dich Gottfried? Du hoffnungslos am Bauzaun von Bullen umzingelt, und meine Frauengruppe mußte Dich dann wieder raushauen..." Die ältere Dame hält ihre Handtasche fest an den Körper gepreßt, dem betagten Herrn an ihrer Seite schaut ein Schoßhündchen unter der Jacke hervor. Unten auf dem Plakat prangt in roten Lettern die Aufschrift "Archiv für soziale Bewegungen". Wer sich an seine eigene bewegte Vergangenheit erinnern oder etwa mehr über die Freiburger Friedensbewegung erfahren will, ist hier richtig.

Das Freiburger "Archiv für soziale Bewegungen in Baden" ist eine Bibliothek der besonderen Art. In den überladenen Regalen des 80 Quadratmeter kleinen Raumes, den das Archiv seit Juni 1984 in der Spechtpassage (Wilhelmstraße 15) angemietet hat, wird all das gesammelt, was Widerstandsgruppen in Freiburg und Umgebung seit 1945 produzierten: Rund 80 Transparente, 90000 Flugblätter, 1500 Plakate, mehr als 700 verschiedene Zeitschriftentitel, 600 Bücher, einige Kartons mit Fotos sowie Buttons und unzählige Aufkleber laden hier zum Schauen, Schmökern und Wühlen ein. Von der Alternativ-, Friedens-, Studenten- und Ökologiebewegung bis hin zum Freiburger "Häuserkampf" ist alles dokumentiert. Auch Arbeitskämpfe, Alternativbetriebe, Homosexuellenbewegung und subkultureller Protest werden hier berücksichtigt eigentlich sämtliche "einschlägigen" Freiburger Gruppen, sofern sie ihre Ziele zu Papier brachten und bringen.

Protestbewegungen entstehen in einer vom schnellen Wandel gekennzeichneten Gesellschaft ebenso schnell, wie sie plötzlich wieder verschwinden. Sie produzieren ihre Flugblätter und Broschüren in den meisten Fällen nur für den Tag, ihre "Literatur" ist ungebunden. Das Archiv hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Spuren zu sichern, Widerstand zu dokumentieren und vor dem Vergessen zu retten: "Wir wollen das Gedächtnis der sozialen Bewegungen sein", beschreibt Mitarbeiter Wolfgang Rieger das Konzept der Archivgruppe. In den meisten Fällen ist das gezielte Sammeln nicht nur eine Aufgabe für den Archivar, sondern auch für den Detektiv im Archivar. Zum Beispiel dann, wenn die Mitarbeiter auf ein Freiburger Szeneblatt aus dem Jahr 1968 stoßen. Da viele Zeitschriften nur ein schlechtes Impressum haben - in diesem Fall fehlte sogar das Titelblatt -, heißt es recherchieren. Welche Namen tauchen auf, läßt sich auf einen Druckort schließen? Mit Hilfe alter Bücher des Einwohnermeldeamtes und etlicher Telefonate versuchen die Rechercheure, die Herausgeber irgendwo in Deutschland aufzuspüren. Oft jagen sie fehlenden Zeitschriftennummern hinterher, bis sich herausstellt, daß diese damals gar nicht erschienen sind. "Viele Kontakte laufen informell, wir haben einschlägige Adressen, bei denen wir immer wieder anrufen", erklärt Volkmar Vogt, der neben den zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern als einziger im Archiv fest angestellt ist. Aber es geht auch umgekehrt: "Dieser Tage rief ein älterer Mann an, der uns Material zu pazifistischen und anarchistischen Bewegungen in Freiburg abgeben will", freut sich Vogt, denn merkwürdigerweise haben gerade Aktivisten oft nur wenig Material gesammelt. Um an aktuelle Flugblätter zu kommen, gehen die Archivmitarbeiter auf Demos und grasen regelmäßig die Kneipen und Buchläden ab, in denen Flugblätter ausliegen. Jeder Leser trägt zudem in ein Formular ein, wonach er gesucht hat. "Das sind Gedächtnisstützen für uns, die zeigen, wo Fehlbestände sind", erklärt Vogt. Für die Archivbesucher sind die sortierten Materialien und die Bücher nach inhaltlichen Stichpunkten wie Ökologiebewegung oder soziale Randgruppen über eine Gesamtsystematik leicht zugänglich. Die Flugblätter, Broschüren und Dokumente liegen an dem angegebenen Standort in Kartons und Archivschubern. Hier darf dann im Material gewühlt werden. Der Arbeitsaufwand, jedes einzelne Flugblatt zu "verzetteln", das heißt, mit einer Signatur zu versehen und in einen Katalog aufzunehmen, wäre nicht zu bewältigen und auch nicht im Sinne der Archivgruppe, denn sie will Bewegungen im Zusammenhang darstellen. Lediglich die Zeitschriften sind alphabetisch aufgestellt. Über 360 der 700 verschiedenen Titel sind an die Unibibliothek gemeldet und können unter dem Siegel "Frei 202" über das internationale Fernleihnetz bezogen werden. Denn im Archiv befinden sich viele Zeitschriften, wie beispielsweise die häufig verlangte WoZ, dokumentiert und kommentiert in der vierteljährlich vom Archiv herausgegebenen "Chronologie". Sie ist Indikator für Veränderungen in Freiburger Protestbewegungen und zeigt auf, wie sich Gruppen radikalisieren, auflösen oder institutionalisieren. Bestimmte Themen, wie beispielsweise die Reaktionen auf den Mord an Kerstin Winter, arbeitet die Archivgruppe in einem Dossier kritisch auf. In unregelmäßiger Folge erscheint der "Kassiber", mit dem das Archiv Einblick in seine aktuellen Forschungsergebnisse gibt. Wer in dem bunten Material, das hier gesammelt wird, zu wühlen beginnt, stößt auf eine Vergangenheit, die in keinem Geschichtsbuch dokumentiert ist: Nicht die großen historischen Ereignisse, sondern die Sorgen, Ängste und Träume von engagierten Freiburgern zu verschiedenen Zeiten können nachvollzogen werden. Erfahrungen, die ohne das Archiv verloren gingen. Hier ließe sich die Kulturgeschichte der Buttons schreiben aber auch die Mentalitätsgeschichte der Freiburger Studentenbewegung.