Archive in Freiburg (IV)

"Das Gedächtnis der Linken": Geschichte der Protestbewegung

Das "Archiv soziale Bewegungen in Baden" und das feministische Archiv sind in der Wilhelmstraße in Freiburg beheimatet.

BZ vom 21.4.1989

Von Bettina Mumm

Was genau heißt eigentlich "Soziale Bewegung"? Volker Hertel, der im Rahmen einer ABM-Stelle als einziger hauptamtlicher Mitarbeiter das in der Wilhelmstraße 15 beheimatete "Archiv soziale Bewegungen in Baden" betreut, zuckt auf diese Frage die Schultern. Die in Soziologendeutsch verfaßte Definition, die er aus einem Buch vorliest und in der die Rede ist von einem "mobilisierenden kollektiven Akteur" auf der Grundlage "hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation" regt den studierten Grund- und Hauptschullehrer eher zum Grinsen an.

Bei der Gründung des Archivs, 1981, und auch heute hätten die Betreiber einen ziemlich theoriefernen Blickwinkel: "Wir sammeln hier eigentlich Material über alle Bewegungen, die von unten herauskommen." So eine Art "Gedächtnis der Linken" wollten sie sein, meint Hertel. Rund 90 000 Flugblätter und 2000 bis 3000 Broschüren zu Themen wie Alternativmedien, Studenten-, Friedens-, Antiatomkraft- und Solidaritätsbewegungen, zu linken Gruppen nach 1968 oder der Geschichte des Häuserkampfes sind inzwischen in den Regalen des Archivs gesammelt. Hinzu kommt noch ein umfangreicher Bestand linker Zeitschriften

"Da haben wir einige Raritäten, die es in Freiburg nur hier zu finden gibt", erklärt Hertel. Die Zeitschriften sind jedoch eigentlich nur ein Zusatzangebot. Im Grunde geht es ihm und seinen sechs ehrenamtlichen Helfern darum, die Geschichte der regionalen Protestbewegungen zu dokumentieren. Die Beschränkung auf die Zeit nach 1945 und auf Baden sei aus der Notwendigkeit der Eingrenzung geboren. "Würden wir bundesweit sammeln, wären wir total überfordert", so der Mitarbeiter des Archivs.

Anders als bei den herkömmlichen Archiven würden sie in der Wilhelm-Straße nicht Dokumente des Herrschaftswissens aufbewahren, sondern "das Wissen von denen, die ihre Utopien nicht verwirklichen konnten", beschreibt Hertel die Zielsetzung des Archivs für soziale Bewegung in Baden. Oft werden die Flugblätter "direkt vor Ort mitgenommen". Im Archiv erhalten sie dann einen Datumsstempel und werden nach Themenkomplexen eingeordnet. Ein ganzer Teil der 90 000 Flugblätter und der Broschüren ist aber über die Mund-zu-Mund-Propaganda, die die Arbeit der Sammler in der Wilhelmstraße inzwischen bekannt gemacht hat, angeliefert worden.

"Wir sind so bekannt, daß die Leute uns anrufen und sagen, sie hätten noch ein paar Kartons mit alten Materialien auf dem Dachboden", berichtet Volker Hertel. Nicht nur mancher alte 68er habe hier seine Bestände abgeliefert, zum Beispiel seien auch bei der letzten Entrümpelungsaktion des AStA vier Kubikmeter studentischer Materialien für das Archiv abgefallen, die noch Aufschluß über die Aktivitäten Anfang der sechziger Jahre geben. Was Heidrun Winkler, Mitarbeiterin des im gleichen Gebäude untergebrachten feministischen Archivs, sagt: "Wir sehen uns vor allen Dingen als Fundus für die aktive Arbeit", gilt sicher auch für das Archiv Soziale Bewegungen in Baden. Die Alternativarchive wollen kein totes Papier abheften, sondern eine Möglichkeit bieten, aus den Erfahrungen der Vergangenheit für die Aktivitäten der Gegenwart zu lernen. Leider würden die Möglichkeiten dieses Angebots jedoch selten erkannt; "man muß schon sagen, daß die Linke oft sehr geschichtslos ist", räumt Hertel bedauernd ein.

Daß das Archiv in der letzten Zeit eine Hochkonjunktur erlebe, liege vor allem daran, "daß zu einer Zeit, wo die soziale Bewegung nicht zu sehen ist, sich die Untersuchungen häufen". Eines der wissenschaftlichen Projekte, für die die Materialien des Archivs einen wichtigen Grundstock bilden, ist eine von der Freien Universität Berlin angeregte Untersuchung über die Vernetzung der sozialen Bewegungen in den drei Beispielregionen Frankfurt, Freiburg und Odenwaldkreis. "Das ist eine Sache, die wir auch immer im Kopf hatten", erzählt Hertel. Doch reichten weder Geld noch Zeit, um über die regelmäßig verfaßten Chronologien und Dokumentationen hinaus tiefer in die wissenschaftliche Arbeit einzusteigen. Die Beiträge der Mitglieder des Fördervereins des Archivs für soziale Bewegung reichten gerade zum Überleben. Aber allein schon die Anschaffung eines Schrankes zur sachgerechten Lagerung der Plakate ginge über die finanziellen Möglichkeiten.

Etwas Abhilfe schafft der erstmals im Haushaltsplan 1989 vorgesehene städtische Zuschuß von 20 000 Mark. Die Mitarbeiter des Stadtarchivs seien in diesem Zusammenhang eine große Hilfe gewesen; "die waren wirklich sehr solidarisch und haben sich für uns eingesetzt", berichtet Hertel, der selber aber noch darum zittern muß, daß seine befristete ABM-Stelle im Sommer verlängert wird.

Ganz ohne hauptamtliche Arbeitskräfte muß das ebenfalls in der Wilhelmstraße 15 untergebrachte feministische Archiv auskommen. Die 1987 entstandene Dokumentensammlung zu Frauenfragen hat zwar die den Feminismus betreffenden Unterlagen des Archivs für soziale Bewegung in Baden übernommen, doch versteht es sich als eine völlig unabhängige Einrichtung, wie Heidrun Winkler, eine der fünf ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, betont. Während jedoch radikale Frauenkämpferinnen es verübeln würden, daß sie sich mit dem anderen Alternativarchiv unter einem Dach angesiedelt haben, ist das für sie kein großes Problem. Gelegentlich dürften auch Männer Einblick in die Zeitungsausschnitte, gesammelten wissenschaftlichen Arbeiten und anderen Materialien nehmen. Einzige Ausnahme ist laut Heidrun Winkler: "Wenn wir den Eindruck haben, daß sich die Männer nur Munition gegen die Frauenbewegung verschaffen wollen, dann läuft natürlich nichts!" Der Bestand des aus einem feministischen Arbeitskreis entstandenen Archivs ist momentan noch auf eine Regalwand beschränkt. Ungeordnet lagert der Nachlaß des in der Luisenstraße abgebrannten Frauenzentrums in Kartons. Wann genügend Zeit, Geld und Mitarbeiterinnen da sein werden, um "dieses Stück neuere Freiburger Frauengeschichte" zu ordnen, steht in den Sternen. Vorerst reichen die Kräfte gerade nur dafür, Chronologien oder auch mal eine Dokumentation zu Fragen wie der von Alice Schwarzer angeregten Pornodebatte zu erstellen. "Städtische Mittel sind für uns noch nicht drin", meint Heidrun Winkler.