Gerührtes Wühlen in den Flugblättern aus ruhmreicher Zeit

Von der Studentenbewegung bis zum Häuserkampf: das Archiv für soziale Bewegungen in Freiburg.

Frankfurter Rundschau 20.1.1994

Von Karl-Otto-Sattler

FREIBURG. Also, Esoterisches findet sich nur wenig in den Regalen und Bücherkisten. Eigentlich verwunderlich, gilt doch Freiburg als eine Hochburg dieses nicht gerade im Ruf ausgeprägter Rationalität stehenden Milieus. Doch: "Wir streiten uns noch über die Frage, ob die Esoterik als soziale, als politische Bewegung gelten kann", meint Udo Bühler, einer der beiden Beschäftigten im "Archiv für soziale Bewegungen Baden". Je nach Ausgang dieser Debatte werden die Bestände in dem ohnehin schon aus allen Nähten platzenden Büroladen noch weiter überquellen - oder aber die Freunde der Esoterik werden in diesem unkonventionellen Archiv auch weiterhin nicht fündig. Die idyllische kleine Spechtpassage am Rande der Freiburger City ist mit ihren Altbauten ein Biotop der örtlichen Alternativszene, mit einem Buchladen, einem Café, einigen Läden und eben dem "Archiv für soziale Bewegungen". Rund 90 000 Flugblätter, einen genauen Überblick können Bühler, sein Kollege Volkmar Vogt und die zehn ehrenamtlichen Mitarbeiter da gar nicht haben, 5000 Broschüren, 750 Zeitschriftentitel, 1500 Plakate, 2000 Fotos, 600 Bücher, 80 Transparente, dazu noch Akten und Dokumente. Das Team in dem gerade mal 80 Quadratmeter großen Laden ist schon ein bißchen stolz, daß es ein solches linkes Basisarchiv in dieser Kontinuität und Größe außer in Berlin und Hamburg sonst nirgendwo in Deutschland gibt. Ein Gedächtnis der Bewegung von unten, der linken, alternativen Szene vor allem im Raum Freiburg, aber auch in Baden will dieses Archiv sein. Die Geschichte dieser Initiative dokumentiert auf ihre Weise die Wandlungen dieses politischen Spektrums. "Ursprünglich sollte dieses Archiv den Aktivisten der Basisbewegungen und Gruppen als Stütze und Hilfe für die aktuelle praktische Arbeit dienen", erläutert Volkmar Vogt. Mittlerweile aber hat sich das Publikumsinteresse verschoben: Meistens kommen Studenten, die nach Material für ihre Arbeit suchen. Auch Journalisten bei der Recherche nach Informationsquellen tauchen hin und wieder auf. Und Udo Bühler hat gelegentlich gereifte Altachtundsechziger beobachtet, die beim Wühlen in Flugblattsammlungen sich gerührt ruhmreicher Zeiten erinnern. Scherzhaft meint Bühler: "Wir haben uns bereits überlegt, ob wir uns in "Archiv für soziale Stagnation" umbenennen sollen." Zwar ist am Oberrhein inzwischen eine kaum mehr überschaubare Zahl von Umweltinitiativen aktiv, doch das ursprüngliche linke Spektrum ist weithin in eine "Agonie", so Vogt, verfallen. Träger des Archivs ist der "Verein zur Förderung autonomer Lebensformen", der Anfang der achtziger Jahre der Häuserkampfbewegung entsprang und selbst Gebäude erwerben wollte - woraus indes nichts wurde. Im Umfeld dieser Gruppe bildete sich aber eine Assoziation, welche die Spechtpassage kaufte und damit dieses Alternativbiotop und so auch ein Refugium für das Archiv schuf. Wann genau es eigentlich anfing, wissen Vogt und Bühler gar nicht so präzise. Es war zu jenen heißen Zeiten des Häuserkampfes Anfang der achtziger Jahre, als einzelne Aktivisten für sich Unterlagen zu sammeln begannen. Die formelle Gründung erfolgte dann 1984, mit bescheidenen finanziellen Mitteln und zunächst mit einer provisorischen Bleibe in einem linken Buchladen.

Die weihevolle und gewichtige Atmosphäre in herkömmlichen Institutionen dieser Art ist in dem engen, irgendwie gemütlichen und sympathisch lockeren Laden in der Spechtpassage nicht anzutreffen. Gleichwohl existiert eine ziemlich genaue Auflistung der Bestände - doch bis ins letzte Detail ist das bei so vielen Flugblättern und Broschüren für die wenigen Mitarbeiter gar nicht zu schaffen. So müssen denn Interessenten in Aktenordnern über "Subkulturellen Protest", "Häuserkampf' oder "Sexuelle Emanzipationsbewegungen" schon selbst noch ein wenig suchen. Natürlich stehen jene beiden oberrheinischen Bewegungen im Vordergrund, die wirklich Geschichte geschrieben haben. Da ist zum einen die Anti-Atomkraft- und Ökologiebewegung, die in den siebziger Jahren mit dem Widerstand gegen das Kernkraftwerk Wyhl am Kaiserstuhl bundesweit das Licht der Welt erblickte. Und legendär ist zweifellos auch die Häuserkampfbewegung mit spektakulären Besetzungsaktionen und massiven Polizeieinsätzen Anfang der achtziger Jahre - seinerzeit bildete Freiburg neben dem damaligen West-Berlin das Zentrum dieser Aktivitäten. Der dritte Schwerpunkt des Archivs: die Studentenbewegung. Da denkt man natürlich an 1968, doch die Freiburger Sammlungen offenbaren, daß es weithin unbemerkt von der Öffentlichkeit schon zu Beginn der sechziger Jahre auf dem badischen Land Vorläuferinitiativen der späteren Studentenrevolte gab. Arbeitskämpfe (in einer Dienstleistungsstadt wie Freiburg freilich seit jeher selten); Alternativbetriebe; antifaschistische Gruppen und ihre Auseinandersetzungen mit rechten Organisationen; die Friedensbewegung; alle möglichen und unmöglichen größeren und Minisplittergruppen nach 1969 aus dem Linksaußenspektrum von der KPD/AO bis zu den "Antiimps"; Freiburger Alternativmedien,etwa das mittlerweile renommierte Radio-Dreyeckland oder die inzwischen eingegangene Stadtzeitung; Dritte-Welt-Gruppen; Aktivitäten gegen den Überwachungsstaat - in immerhin 20 Rubriken sind die Bestände gegliedert.

Durchaus aufschlußreich sind dabei einige kommentierende Bemerkungen in einer erläuternden Broschüre. Da heißt es etwa: Die kapitalistische Gesellschaft durch alternative Lebens- und Produktionsformen überwinden - davon ist kaum etwas geblieben." Und unter dem Titel "Neue Technologien" steht: Ein zu Beginn der 80er- Jahre vieldiskutiertes Thema... Die unbestreitbaren edevaulichen (lies: EDV, d. Red.) Segnungen für Nutzer und Nutzerinnen führten zu einer fast wonnigen Akzeptanz." Während Udo Bühler und Volkmar Vogt in ihrem Büro über ihre Arbeit berichten, macht sich ein anderer Mitarbeiter an einem Computer zu schaffen. Ein solches Archiv kommt nicht so leicht an seine Materialien heran wie eine etablierte Institution. Vogt: "Wir gehen zu Demos, sammeln Flugblätter ein, streifen durch Szenekneipen, die Universität, Kulturzentren, linke Buchläden, schauen eben dort vorbei, wo wir Broschüren und Flugblätter vermuten." Das Archiv basiert auch auf übereigneten Privatsammlungen - wie jener eines einstigen 68ers, dessen Bestände in der Anfangszeit einen Grundpfeiler der Arbeit bildeten. Zu Beginn dieses Jahres überließen die baden württembergischen Jungdemokraten, einst die Jugendorganisation der FDP, den Freiburgern 16 laufende Meter Akten von den fünfziger Jahren bis 1983 zur Auswertung: Damals wurden die linken Geister nach der Bonner Wende von der FDP ausgeschlossen. Zuweilen melden sich "sporadische Zuträger", wie Vogt sie nennt: Irgend jemand zieht um und bringt zu seiner Entlastung ein paar Kartons mit alten Papieren vorbei. Auch gibt es hin und wieder Sponti- oder sonstige undogmatische Gruppen, die sich je nach aktueller politischer Bedarfslage gründen, dann wieder auflösen und ihre Sachen in der Spechtpassage abliefern. Lieber zu viel als zu wenig, man kann auswählen und wegwerfen. In einer Selbstdarstellung steht: "Gewiß kommt es vor, daß wir mit der Grünen Tonne verwechselt werden. Doch das ist halb so schlimm, wenn man be denkt, wieviel einzigartiges Material sonst unwiederbringlich auf dem Müll gelandet wäre." Das Spechtpassagen-Team, das sich in der Tradition kritischer Sozialforschung sieht, beschränkt sich nicht nur auf die Sammlung von Dokumenten; zu denen nicht nur lokale und regionale Unterlagen, sondern auch allgemeine politische Texte zu den jeweiligen Themen gehören - so will man die lokale Verortung bundesweiter Entwicklungen aufzeigen. Man arbeitet überdies historische Ereignisse mit auch aktueller Bedeutung auf. So organisierte man ein Seminar über den wegen seines Verhaltens in der Nazizeit umstrittenen Filmregisseur Veit Harlan, gegen den sich Anfang der fünfziger Jahre die erste Freiburger Nachkriegsdemonstration richtete. Eine Veranstaltungsreihe widmete sich dem Thema "Jugend und Rechtsradikalismus". Ein Vortrag mit Film diente der kritischen Auseinandersetzung mit dem Mythos "Szene". Demnächst erscheint ein Buch über die Häuserkampfzeit. Bei solchen Aktivitäten kooperiert das Archiv auch mit der Landeszentrale für Politische Bildung, mit dem Freiburger Stadtarchiv oder auch mit Volkshochschulen. Diese Zusammenarbeit deutet darauf hin, daß die alternative Einrichtung mittlerweile durchaus anerkannt ist. Über die Fernleihe der Freiburger Universität kann ein Teil der Zeitschriften bezogen werden. Der Jahresetat von rund 75 000 Mark speist sich mit knapp 60000 Mark vor allem aus städtischen Zuschüssen, hinzu kommen etwa 10000 Mark aus Spenden (Bühler: "Da sind auch manche grauen 68er dabei"), schließlich fließen noch Einnahmen aus dem Vertrieb einer Zeitschrift. Als es 1989 um die Gewährung kommunaler Subventionen ging, hieß es in einem Gutachten, es werde "ernsthaft und sorgfältig gearbeitet", das Archiv mit seinem politischen Anspruch stelle durchaus "eine Bereicherung" dar. Verfaßt hatte das Gutachten ein Dr. Ecker, ein etablierter "Stadtoberarchivrat". Nur politisch bierernst geht es in der Spechtpassage indes nicht zu. Es gibt auch einen Aktenordner Hämmer und Kurioses". Da sind beispielsweise Schriften abgeheftet, in denen ein Freiburger grüner Landtagsabgeordneter der Anfangszeit später für seine ganz spezielle Theorie kämpfte, daß das Waldsterben nicht von Schadstoffen, sondern von Hallimasch-Pilzen stamme. Da sind auch Flugblätter zu begutachten, auf denen sich Mitglieder einer zerstrittenen Wohngemeinschaft öffentlich bösartiger Dinge bezichtigen. Der Verfassungsschutz wollte sich im übrigen, jedenfalls nicht offiziell, den Fundus des badischen Archivs für soziale Bewegungen noch nicht zunutze machen. Statt dessen sind dort im Gegenzug alle vom Verfassungsschutz veröffentlichten Berichte gesammelt.